Gabriela Proksch: Die Kunst der Abstraktion
Text von J. Susan Isaacs
Als Kunsthistorikerin betrachte ich Kunstwerke sowohl in ihrem historischen Kontext als auch ihre visuellen Elemente.
Wenn ich Gabriela Proksch’s Gemälde sehe, erkenne ich ihr expressionistisches Erbe, die historischen Beispiele welche die bedeutenden Meisterwerke von Künstlern wie Matthias Grünewald, sowie die kraftvollen Arbeiten von Oscar Kokoschka, Gustav Klimt und Egon Schiele beinhalten. Ich denke auch sofort an die Arbeit gewisser US-Künstler, insbesondere William Baziotes und Archile Gorky. Gorkys Arbeit ist mir momentan sehr präsent, da zurzeit eine grosse Ausstellung seiner Werke im Philadelphia Museum of Art in der Nähe meines Wohnortes stattfindet. An Gorky erinnernd, wendet Proksch vieldeutige Symbole an, sie schweben, gleiten, treiben und wiegen sich in einem fast flüssigen Feld. Zeitweise sind ihre Formen auch solider, als ob der Schauplatz vor uns vorübergehend scharf eingestellt worden wäre.
Sie schafft Metaphern von Zeit und Raum, die sich innerhalb und außerhalb unserer Existenz bewegen, die uns verlocken und uns sogar dazu drängen, wichtige Punkte ins Auge zu fassen, die nicht offen in unserem Leben sichtbar sind: Imagination, Sexualität, Geist, Psyche und Mythos. Prokschs expressionistische Gemälde sind kraftvoll und ätherisch, elegant und unbequem, gefühlvoll und nüchtern.
Sie ist eine intelligente Künstlerin, die die der Abstraktion innewohnenden Möglichkeiten aufspürt und sich nicht mit bequemen Bildern zufrieden gibt, was ohne Zweifel leichter wäre. Proksch hingegen treibt den Moment der Eleganz und Leichtigkeit vor, bis in ein Gebiet wo die Herausforderung sichtbar wird.
Sie versteht die schwierige Balance von Gegensätzen, die in vitaler abstrakter Malerei stattfinden muss. Sie begreift die Spannung, die es braucht, damit ein Werk nie vollständig alle Fragen beantwortet, die es stellt. Diese Spannung ist das Zentrale ihrer Werke. Es ist das was sie eher intellektuell als schick macht, eher hintergründig als oberflächlich. Proksch schafft sowohl in ihren großen als auch kleinen Arbeiten Werke, die über ihren materiellen Raum hinausströmen. Sie formt atmosphärische barocke Umgebungen, die nebelhaft verworren, sogar erotisch sind. Diese geheimen Welten sind beides - einladend und bedrohlich.
Die Leinwand agiert als Fenster, und Proksch präsentiert uns den Blick in eine Welt wo elegante und attraktive Formen mit rätselhaften Zeichen und beunruhigenden, aufwühlenden Linien Kontraste bilden.
Sie setzt Tropfen ein, die sie oft mit organischen Formen in Kontrast setzt, um eine private Vision zu erforschen, die unverblümt Sexualorgane, Körperflüssigkeiten und Gliedmaßen andeutet. Jedoch nichts ist ausdrücklich, alles ist poetische Anspielung. Auch Mythos teilt sich in diesen Malereien mit - zeitgenössische Mythen wo Bedeutungen sich verändern und das Magische möglich scheint. Diese Mythen offenbaren etliche potentielle Wahrheiten über Sexualität und Repression, Kraft und Freiheit. Indes liegt Prokschs Erfolg in ihrer Fähigkeit, eher anzudeuten als zu informieren. Ihre Arbeiten sind intim während sie gleichzeitig distanziert sind. Sie verwendet die Sprache der Abstraktion, um den Betrachter sowohl zu verführen wie auch zurückzuhalten. Ihre Bilder agieren als Fenster in eine andere Welt, eine die unsere Welt widerspiegelt aber intensiver ist, mit psychologischen Verzerrungen, Übertreibungen, Understatements und Geflüster.
Die Bedeutung der Abstraktion ist ihre Fähigkeit, grundlegende menschliche Dramen durch Verschleierung und Offenbarung zu erforschen. Proksch erkennt das sehr wohl und ihre Bilder demonstrieren dieses Verstehen.
J. Susan Isaacs, PhD, Professor and Coordinator of Art History, Curator of Departmental Galleries, Towson University
Abstrakte Malerei zwischen Schweben, Umriss und Linien.
Ein Bild ist immer so gut, wie ein Künstler seine Botschaft transportiert und dem Betrachter sein eigenes Staunen lässt.
In den abstrakten Gemälden von Gabriela Proksch ist diese Einsicht schon bei einer ersten Begegnung nachvollziehbar. Eine spontane Inbesitznahme seitens des Betrachters wird hier, obwohl sinnlich initiiert, nicht vollständig gewährt. Malerische Botschaften benötigen bisweilen Zeit. Wie wohltuend ist es, in einer Zeit, die sich dem Schnelllebigen gewidmet hat, eine Malerin zu finden, die sich nach dem Unbekannten und nach innen wendet, um von dort originäre Kraft zu beziehen.
Die Bilder behaupten sich durch die starke Präsenz von Farbe und künstlerischer Handschrift in dieser Welt. Beinahe jeder heute schaffende abstrakte Künstler kennt die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge und Entwicklungsverläufe der großen Maler, verlässt diese aber auch, um Wagnis und Abenteuer neu zu beginnen und eigene Ausdrucksformen zu finden. Eine, die diesen Weg mit Kraft, Gestaltungswillen und Sensibilität geht, ist die in Jenbach lebende Künstlerin Gabriela Proksch, Jahrgang 1961, autodidaktische Quereinsteigerin aus der Philosophie, inspiriert vom künstlerischen Ausdruck indianischer und afrikanischer Kulturen, Kuratorin und Mutter, fasziniert vom abstrakten Expressionismus und dem Erforschen der menschlichen Entwicklung.
Gabriela Proksch malt in ihrem Atelier, auf der Couch sitzend oder sich über und um die Bilder herumbewegend, mit langen Rohrpinseln mehrere Farbschichten auf die am Boden liegende Leinwand. Es gibt sowohl den heftigen, ausfahrenden Pinselhieb, als auch das mehrmalige Überarbeiten, um eine qualitative Dichte zu erreichen. Die Farbschichten öffnet sie durch das Wegkratzen und Freilegen bereits getrockneter, älterer Farbaufträge, an deren untersten Malgrund sich die dichteste Schicht, meist vermischt mit Sand, Erde oder Asche, befindet. Es gibt grundsätzliche Beschaffenheits-Verhältnisse in dieser Malerei.
Gerade in Werken ohne illusionistische oder konkrete Darstellung ist es ein wertvoller Anker für das forschende Auge, herauszufinden, wo ein Bild an seine eigenen, inneren Grenzen stößt. Fragen, wie, wo hat die Wildheit ihr natürliches Ende, die Dichte ein reflexives Ausatmen als Leere, wo öffnen Spalten und Brüche Räume, bestimmen die Komposition, wie ein rhythmischer Tanz.
Waren die zu Beginn geschaffenen Werke noch expressiv-abstrakte Farbraumgestaltung, in denen nur Farbe geschüttet wurde, so erweitert sich dies bald zum Graphischen.
Ab der Serie „gedichtes lichtgebräu“ finden wir Spuren, die uns auf den aktiven Eingriff, in den zuvor farblich gestalteten Bildraum verweisen, zunächst als reines Flächenphänomen, später mit einer dreidimensionalen Betonung mit malerischer Untermalung. Die graphischen Elemente sind hier noch geschlossen, in einer organisch anmutenden Form, die etwas an die Bildersprache Joan Miròs erinnert, umfangen.
„vom zaubern und vom fragen“ weist ironische Fluggefährte mit erkennbaren Flügeln und andere skurrile Botschafter, vor oft intensiv, leuchtenden Farbfeldern, auf.
In „vom spinnen und vom fliegen“ schweben die Zeichen insektengleich in teils hellen, teils sehr dunklen Farbräumen. Bisweilen ereignet sich ein gespanntes Schweben. Aus dem Bildraum tauchen visionäre Energien in Form von Strichen oder Formen auf. Der Raum ist offen für Bewegung und neu dazugekommene archaisch anmutende Formbildungen.
In „von toren und von leitern“ werden Strichelemente, wie die Sprossen von Leitern in einer nach oben führenden Richtung angeordnet oder Tore geöffnet.
So entstandene Bilder beinhalten beide Weisen des Sehens. Das sichtbare Spektrum von Farbe und die Suche nach verborgenen Schichten und Zeichen. Das Öffnen eines Bildes, beziehungsweise einer einem Bild zugrunde liegenden Qualität, ist ein bewusster Akt der Offenlegung. Das Bild muss somit ein inhärentes Potential besitzen, sodass es möglich wird, eine Veränderung vorzunehmen. Diese Überlegung ist insofern von Wichtigkeit, als sie uns auf die Art und Weise des künstlerischen Arbeitens verweist. Die Hand malt, das Auge findet, der Geist bestimmt.
Der hier gezeigte Werkquerschnitt von 2005 bis 2007 beweist die Tragfähigkeit eines klug gewählten, seinem Wesen nach jedoch offenen Konzepts. Prinzipien, der auf klein- bis großformatig auf Leinwand, Holz oder Papier gemalten Bilder von Gabriela Proksch, sind die Vielschichtigkeit der Farbe, der kontinuierliche Dialog zwischen Malerischem und Graphischem, zwischen durch die Hand realisierten Fakten und graphischen Andeutungen. Dies verführt den Betrachter zur Teilnahme an einer abstrakten, in ihrer Wirkung jedoch dialektischen, als Geschehnis und Anstoß verstandenen Malerei. In differenzierte und vielschichtige Farb- und Tonwelten eingetaucht, besitzen diese Werke graphische Kürzel, Spuren, Zwischenräume und Bewegung. Der Versuch eines Lesens der Bildzeichen und gekritzelten Linien, ergibt keinen Sinn, da diese autonom aus dem Augenblick gesetzt sind. So verweisen diese Bilder auf pikturale und partielle Ein- und Abdrücke einer Anderswelt, sie animieren zum Finden und konzentrierten, subjektiven Nachdenken, vergleichbar der Poesie.
Unterschiedliche stilistische Strategien sind festzustellen. Den gemeinsamen Nenner bildet das zumeist grundlegende Verhältnis zwischen dem Graphischen und dem Malerischen. Die graphische Dimension ist sowohl in linearer als auch flächiger Weise definiert. Tachistische Figuren grenzen sich vom Bildgrund ab, ohne Tiefenräumlichkeit zu vermitteln. Andererseits setzt Proksch strichartige Linien autonom, als informelle Spur ein. Graphische Elemente sind symbolische Elemente mit Ursprungscharakter, die betonen, Form geben, einen vielleicht magischen Abdruck erschließen oder einen gewissen Witz generieren. In manchen Bildern herrscht eine silhouettenhafte Bildsprache vor.
Die auf der Bildfläche in unterschiedlichen chromatischen Abstufungen aufgetragene Farbe generiert eine intensive räumliche Leuchtkraft, die die Aufmerksamkeit des Betrachters bindet. Diese Erfahrung der Farbe ist atmosphärisch, verdichtet zu verstehen als Reflexion von Licht und Farbe der jeweiligen Jahreszeit, in der das Bild gemalt wurde. Aufgrund ihrer malerischen Binnenstruktur gewinnt die Farbform in manchen Bildern an Körperlichkeit, während sich das aus den Linien Gebildete flach verhält und auf mehreren Farbschichten in verschiedenen Farbqualitäten vorkommt. Die Malerei bezieht sich zum Graphischen einerseits harmonisch, andererseits spannungsgebend. Immer aber ist in den ausgewogenen, jedoch variierenden Kompositionen genug Raum für Beides.
Gabriela Proksch setzt mit ihren kraftvollen Gemälden einen erkenntnisgeladenen Kontrapunkt zum Plakativen. Ihre Bildräume und Formen verweisen - ohne deswegen beim Betrachter allzu bildhafte Analogien und Assoziationen zu bemühen – auf eine Art Prozess-Sicht, eine philosophische Herausforderung an das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen.
Der malerische Ausdruck ist oft von mythologischen Quellen und starken Eindrücken aus der Natur inspiriert und in einer Art poetischem Automatismus verarbeitet, der keinen narrativen Charakter aufweist. Sie malt fokussiert auf die Attraktion, das Bewegende, das Spannungsund Veränderungspotential der Malerei und nutzt die Verwirrung durch bewusst eingesetzte Gegensätze, um Harmonien zu durchbrechen. Kleine Striche und insektenhafte oder organische Flecken der Bildfläche betonen die teils wilde, teils skurrile, teils nur im Ahnen belassene Form und damit ein gegensätzliches Konzept, das die Bilder für den Betrachter öffnet. Auf diese Weise wird nicht nur Vergangenes und Verborgenes durch den Vorgang der Sichtbarmachung darunter liegender Farbschichten und Übermalungen sichtbar, sondern auch Kommunikation in Form von zirkulären Fragen und Impulsen ausgelöst.
Mit diesen Begriffen ist zwar viel gesagt, allerdings nicht alles erschlossen. Die geheime Seite der Malerei Gabriela Prokschs ist eine, die sich vor allem in der forschenden eigenen Begegnung mit den Bildern finden lässt. Die Künstlerin selbst findet sich treffend im Ausspruch Cy Twomblys „Für mich ist die Vergangenheit die Quelle, denn alle Kunst ist im wesentlichen zeitgenössisch“ wieder (In „Das Weiß des Cy Twombly“, Monographie von Richard Leeman über den amerikanischen Künstler).
Claudia Nitschke
Salzburg am 13.07.2007
Gabriela Proksch
I came upon the work of Gabriela Proksch while walking through the Florence Biennale, looking for paintings to use in my discussion on abstraction in painting. Her painting, ‘dimenticare, kennst du das Land…’ had all of the qualities I admire in an abstract expressionist work: bold marks made with purpose and conviction, a unique sense of composition and special development, and most importantly, the knowledge of her media. Being able to control the paint, and yet be confident enough to let the paint do what it does naturally: flow, drip, splash, is very difficult. Gabriela balances all aspects and brings her own intentions into the mix as well.
Gabriela’s marks are both broad and encompassing, and also tight and precise. Large color fields are brushed with a strong arm and large tool. Graphite marks and lines scribble and scrawl, defining the lines and the poetry woven throughout the whole image.
Like her predecessor Joan Mitchell, Gabriela creates space by layering her marks, drips and runs. Her thin layers of color define her actions and allow the textures of past encounters with the canvas to shine through and combine to create unique tones and saturations.
Paint is a luscious material and Gabriela loves the medium. She honors paint by allowing its purity to shine while adding small flourishes to bring her ideas and purposes to life.
The combination of all these facets brings fascination to the viewer and respect from her peers. Gabriela Proksch brings abstract expressionism into the 21st century with vigor, purpose and poetry.
Paul Lorenz
Instructor, Academy of Art University, San Francisco, California
Fine Art Department
Abstraction and Interpretation
"Here is true art!
The art that is always - an answer - awaiting its question!" Keith Morant about Gabriela Proksch